Kritiken 39,2° - Ein Fiebermonolog
Wuchteln zum Wohlfühlen
[...] Anspielend auf den französischen Filmklassiker „Die Dinge des Lebens“, beginnt Vitáseks Programm mit dem Schluss. Aber das spielt praktisch keine Rolle, da er nicht eine zusammenhängende Geschichte von hinten aufrollt, sondern nur gelegentlich aufeinander Bezug nehmende G'schichtln aneinanderreiht. Der Verweis auf den Film, in dem Michel Piccoli nach einem Autounfall im Sterben sein Leben vorüberziehen lässt, ist einzige Klammer des Abends.
Auch Vitásek erinnert sich; doch ihm, dem Hypochonder, genügt als Anlass schon "Grippeverdacht". Mit detailreicher Kenntnis nimmt er sämtliche Wirkungen (und vor allem Nebenwirkungen) seiner Medikamentensammlung durch, rekonstruiert Erfahrungen, die er beim Bundesheer mit psychoaktiven Substanzen machte und formuliert seine grundsätzliche Paranoia gegenüber Ärzten, die Röntgenbilder als Rohrschach-Tests verwenden würden: "Bei Diagnosen bin ich Stalinist - da muss Meinungseinheit herrschen. Auch wenn ich's dann eh nicht glaub."
Der hohen Schmäh-Frequenz des ersten Programmviertels folgt eine Entschleunigung, spätestens nach der Pause gibt es Längen. Doch selbst die geraten ihm äußerst sympathisch. Zwischen hysterischer Sorgsamkeit und demonstrativer Gelassenheit oszillierend, ist das Programm ein - fast möchte man sagen: altersweises - Plädoyer für mehr Unaufgeregtheit im Alltag. Selbst Seitenhiebe auf die drei magischen Kabarett-Ks - Kirche, Kärnten, Krone - fallen milde, fast beiläufig aus.
Selbst wenn die Zeitreise ins Jahr 2043 Befürchtungen bestätigt, wonach die Christenheit u. a. von der Invasion des "konfuzianistischen Islamismus aus China" verdrängt worden sein wird - Vitásek pfeift sich eins und geht mit Kind und Hund spazieren. Immer sympathisch, meistens lustig. Wie ein Wellness-Kurzurlaub mit Wohlfühl-Wuchteln.
Stefan Mayer, DER STANDARD, 19.03.2010
Erlkönig und Kirche, Hans Moser und Faymann
Andreas Vitásek erzählt Geschichten aus der Jugend, dem Vaterdasein und der Zukunft. Virtuos.
„Ich vermisse das Blackout“, gestand Andreas Vitásek fünf Wochen vor der Premiere von „39,2° – ein Fiebermonolog“. Da versuchte er, alle Nummern in eine zusammenhängende Geschichte zu pfropfen – nämlich jene vom grippekranken „Andi allein zuhaus“, die auf allen Ankündigungen steht. Bei der Premiere im Orpheum taucht es dann doch auf, das Blackout, gleich nach der ersten Nummer, in der Vitásek kurz das Kranksein (das als Kind schöner war als heute) und das Alleinsein anschneidet.
Das war's dann schon mit der durchgehenden Geschichte. Wohl auch die Zuseher hätten das Blackout und die gut eingespielte Nummernabfolge vermisst. Hart ins Korsett gequetschte Geschichten sind so gar nicht Vitásek-like. Viel besser, man lässt ihn einfach reden. Das tut er mit Bravour, kommt dabei vom Hundertsten ins Tausende, biegt geschickt zurück zum Hundertsten, legt als Pirouette eine kleine Tagesaktualität ein, lächelt verschmitzt und redet weiter – von der Kindheit in Favoriten, der Jugend im BG4 bis zur modernen Vaterschaft mit über 50. Ohne dabei auf Wortwitz und eingestreute Kalauer zu verzichten.
[...] Das Vermischen von lange Vergangenem, kürzlich Dagewesenem und in der Zukunft Liegendem ist die eigentliche durchgehende Geschichte hier. Nicht nur, dass Vitásek bei persönlichen Erinnerungen die Zeitebenen fließend wechselt und sogar zum eigenen Begräbnis (zu spät) kommt, auch bei klassisch gespielten Nummern überbrückt er große Zeitspannen: Da schwappt ein Einbrecherduo der 1970er-Jahre über in den Kremser Supermarktüberfall, dann vermischt sich Goethes Erlkönig („Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!“) mit den Missbrauchsfällen der Kirche, und es werden die Briefe von Faymann an den „sehr geehrten Herausgeber“ und von Hans Moser an „meinen Führer“ Satz für Satz verschachtelt. [...] Gepaart mit ein bissel Schauspiel- und Pantomimenkunst ergibt das einen wunderbaren Abend, an dem man auch nach der dritten Zugabe nicht will, dass Vitásek zu reden aufhört.
Veronika Schmidt, DIE PRESSE, 18.03.2010
Die Dinge des Lebens: Andreas Vitáseks souverändes neues Solo „39,2° - Ein Fiebermonolog“
[…] Souverän wie nie entwickelt Vitásek aus scheinbar privaten Anekdoten ein satirisch-poetisches Loblied auf das ganz normale Leben. Er erinnert sich an Bundesheer und Beichtstuhl, sinniert über die Physiognomie des Defäkierens („Jedes Lebewesen schaut komisch, wenn es scheißt“) und verrät intime Geheimnisse: „Ich habe aufgehört zu onanieren. Mir fällt nichts mehr ein.“
Einmal erzählt Vitásek, wie er im Stadtpark einen Junkie beobachtet, der sich einen Schuss setzt – und wie ihn dann das schlechte Gewissen plagt, einfach weiter gegangen zu sein. Die Geschichte hat keine Pointe, ist aber so fein erzählt, dass sie trotzdem zur stärksten des Abends zählt.
Tagespolitische Gags streut Vitásek meist en passant ein, er kann aber auch anders: Die Parallelmontage des berüchtigten Krone-Leserbriefs von Faymann/Gusenbauer mit jenem Brief, in dem Hans Moser bei Hitler um Gnade für seine jüdische Frau bettelt, ist vielleicht geschmacklos. Aber auch einer der bittersten politischen Kommentare, die man auf einer Kabarettbühne seit langem gehört hat.
Wolfgang Kralicek, FALTER, 24.3.2010
...und dann kommt endlich auch der Tod
Was wäre, wenn die Welt auf dem Kopf stünde, wenn alles mit dem Ende begänne und mit dem Beginn endete? "Schön wär das, irgendwie beruhigend, weil man sich nicht Sorgen machen muss, was kommen wird", meint der Kabarettist Andreas Vitásek am Beginn seines neuen Programms "39,2° – Ein Fiebermonolog", in dem er genau das ausprobiert: Er beginnt mit dem Schlussapplaus. Und wären nicht die Zugaben gewesen, er hätte tatsächlich mit dem Auftrittsapplaus aufgehört.
Aber eigentlich ist bei Vitásek da nicht so viel Unterschied. Denn es gibt zwar einen roten Faden in seinem Programm, nämlich das Altern, an dem hält er sich aber nicht sklavisch fest und macht lieber ständig Sprünge vor- und rückwärts. Schwelgt in Erinnerungen an Kindheit, Bundesheer und spätes Vaterglück; plaudert aus dem Nähkästchen und gibt dunkle Geheimnisse aus dem Grund der Kabarettistenseele preis; ärgert sich über Ärzte und redet sich dabei so in Rage, dass er tatsächlich schwitzt wie im Fieber; und philosophiert nicht nur über das Kranksein, sondern über das Leben an sich.
Und einmal mehr gilt: Wo Vitásek draufsteht, ist Vitásek drin. Auch im mittlerweile 16. Programm ist sein Humor gewohnt trocken und unkompliziert, bedient sich teils uralter Witze – und wirkt dabei trotzdem nicht so alt, wie er sich in seinem Lamento gibt.
[...] Der kleine blasse Tod, der außer "Zippe-Zappe" auch noch allerhand Philosophisches von sich gibt, ist der heimliche Star des Abends. Und wenn er nicht wäre, dann würde in Vitáseks Programm etwas fehlen. Auch wenn sich der Tod gar pietätlos benimmt und Urlaub auf Haiti gemacht hat. Überhaupt verleidet er dem Kabarettisten mittlerweile jede Form von Urlaub, weil dieser in den schöne Reiseprospektbildern immer eine Katastrophe herannahen sieht.
Da liegt er lieber doch krank daheim im Bett. Obwohl, das Kranksein ist heute auch nicht mehr das, was es einmal war, meint der Kabarettist. Zum Glück gilt das für Vitásek selbst nicht. Denn der ist immer noch der Alte, vom Ende bis zum Anfang.
Mathias Ziegler, WIENER ZEITUNG, 18.3.2010